Pressespiegel 2019

Eine unerwartete Überraschung

Der Städtische Chor ist gerührt über eine ungewöhnliche Spendenaktion nach dem Tod einer ehemaligen Sängerin.So einen Anruf bekommt man nicht alle Tage. Die Geschichte, die der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung Marianne Kalfhaus erzählte, berührt die Vorsitzende des Städtischen Chors bis heute. Michael Beyer, so der Name des Unbekannten, entpuppte sich als Sohn einer ehemaligen Chorsängerin: Annette Beyer geb. Peters war vor vielen Jahren, genau von 1948 bis ca. 1957, Mitglied im Städtischen Chor. Danach zog die Familie, die damals an der Castroper Straße 51 im Hause der Bäckerei Enning lebte, aus Recklinghausen weg. Jetzt starb Annette Beyer am 12. April im Alter von 94 Jahren in Ostercappeln bei Osnabrück. Und weil die Mutter eine leidenschaftliche Sopransängerin war und zeit ihres Lebens immer von ihrer wunderschönen Zeit im Kreise der Recklinghäuser Sangesgemeinschaft erzählt hat, entschied die Familie, anstelle von Kränzen und Blumen zur Beerdigung um Spenden für den Städtischen Chor zu bitten. „Da war ich baff, was für eine schöne bewegende Nachricht“, sagt Marianne Kalfhaus. Sofort kontaktierte sie Günter Grollmann, mit 92 Jahren das älteste aktive Mitglied im Städtischen Chor. Obwohl der Recklinghäuser auch seit 1948 dabei ist, erinnerte er sich aber nur vage an die junge Mitsängerin.

Ein Foto aus der damaligen Zeit.Per E-Mail erfuhr Marianne Kalfhaus dann über den Sohn weitere Details: Dass Annette Beyer erst die Volksschule, dann die Höhere Handelsschule in Recklinghausen besucht und bis Ende 1956 auf der Zeche General Blumenthal im Statistikbüro gearbeitet hat. Dass sie bis ins hohe Alter noch alle Texte auswendig kannte, egal ob Klassik, Kirchenlieder oder Schlager. Dass sie Beethovens „Neunte“ und die „Carmina Burana“ mit dem Städtischen Chor gesungen hat. Dass sie den damaligen Chorleiter Gerhard Scholz sehr schätzte. Dass sie wohl auch Haydns „Schöpfung“, die jetzt wieder auf dem Programm steht, gesungen hat. Und dass bis heute Nichten und Neffen in Recklinghausen leben.

Die Familienmitglieder haben sogar zuletzt das höchst erfolgreiche Frühlingskonzert des Städtischen Chors im Rahmen der Ruhrfestspiele besucht. „Inzwischen sind fast 600 Euro an Spenden für uns eingegangen“, freut sich der zweite Vorsitzende Werner Münchenberg. Das Geld werde in neue Noten und in den nächsten Chorausflug investiert. Marianne Kalfhaus: „Wir sind dankbar und freuen uns, dass unsere engagierte Chorarbeit auf diese ungewöhnliche Art und Weise wertgeschätzt wird.“

Tina Brambrink , Recklinghäuser Zeitung, 29. Mai 2019


Pressespiegel der Konzerte 2019


Ein ganz starker Auftritt
Der Städtische Chor Recklinghausen widmet sich bei den Ruhrfestspielen mit der NPW geistlichen Werken von Antonín Dvorák.

Recklinghausen. Geistliche Chormusik bei den Ruhrfestspielen? Das mutet wie ein Fremdkörper in einem Programm mit explizit politischem Zuschnitt an. Den als „Frühlingskonzert“ angekündigten, keineswegs heiteren, vielmehr besinnlichen Auftritt des Städtischen Chores Recklinghausen mit der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) in der Christuskirche kann man als Programmbeitrag zugeschnitten auf ein Gotteshaus betrachten.

Und da ergibt er beim diesmal besonders breit gefächerten Festival Sinn. Nämlich als dezenter Hinweis auf das kulturelle Potenzial dieser Region. Den traditionsreichen Städtischen Chor muss man in Recklinghausen nicht noch extra preisen. Was dieser Klangkörper unter der Leitung von Alfred Schulze-Aulenkamp, eines profilierten Chorerziehers, zu leisten vermag, erreicht oft professionelles Niveau.

Staunen durfte man über seine imponierende Flexibilität und eine Klangpracht, die Antonín Dvorák auf der Höhe des Komponierten gerecht wird. Sein geistliches Werk, aus dem das Requiem herausragt, steht im Schatten des hinlänglich Bekannten.

Schulze-Aulenkamp tat gut daran, die für einen tschechischen Architekten und Mäzen zur Einweihung einer Schlosskapelle komponierte D-Dur-Messe in ihrer späteren Orchesterfassung von 1892 mit dem ebenfalls 1892 zu einem ganz und gar nicht geistlichen Anlass, der 400-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus in New York uraufgeführten wuchtigen Te Deum zu kombinieren. Ein Kontrastprogramm sozusagen.

Was bei Dvorák schillernd und in den exakt dem lateinischen Ordinarium folgenden Chorpassagen der Messe schwebend klingt, verlangt höchste Präzision. Nur im Sanctus fehlte es kurz an Feinabstimmung zwischen Chor und Orchester. Die abgestufte Dynamik meisterte Schulze-Aulenkamp mit Weichzeichner.
Die Zeit scheint stehen zu bleiben

Und weich intoniert der Chor das Kyrie, bevor der Gesang mehrstimmig mächtig anschwillt. Im Domine Deus des Glorias scheint die Zeit stehen zu bleiben. Im Credo besticht der Chor durch dramatische Emphase. Im Credo klingt das Cruzifixus wie ein Aufschrei.

Neben der dezent begleitenden Neuen Philharmonie Westfalen fielen vier erstklassige Solisten ins Gewicht: an erster Stelle die 2015 vom Musiktheater im Revier nach Mainz gewechselte Dorin Rahadja mit der blühenden Klangpracht ihres wohlgerundeten Soprans, Eva Nesselraths profunder Alt, Giovanni Silvas leuchtender Tenor und der kurzfristig eingesprungene Bariton Thomas Peter in der sonor gemeisterten Bass-Partie.

Im Te Deum, das der Chor schon 2012 gesungen hat, spielt das Orchester eine ungleich wichtigere Rolle. Erstaunlich modern klingt das Aeterna, und der Chor trumpft so mächtig auf, als sänge er Orffs Carmina Burana, nachdem er gerade erst mit vorbildlicher mezza voce beeindruckt hat.

Bernd Aulich, Recklinghäuser Zeitung, 21. Mai 2019