Pressespiegel 2016

Pressespiegel der Konzerte 2016


Eine Totenmesse, den Lebenden zum Trost
Die neue Philharmonie Westfalen besang gemeinsam mit einem Riesenchor im Musiktheater im Revier das Requien von Johannes Brahms mit berührender Intensität und Noblesse.

Viel Beifall
Diese Totenmesse ist einer der Klassiker, die Kirchen und Chöre im Trauermonat November verlässlich auf ihre Konzertpläne setzen. Dieses Requiem fällt aber auch aus dem Rahmen. Denn Johannes Brahms „Ein deutsches Requiem“ besingt weniger leiden, Schicksal und Tod, zum Trost und Hoffnung. So interpretierte auch die Neue Philharmonie Westfalen in ihrem 3. Sinfoniekonzert am Montagabend im gut besuchten Musiktheater im Revier die Totenmesse als wunderbar farbige Hymne an das Leben. Mit überirdisch schönen, berührenden, beglückenden Momenten.

Selig sind, die da Leid tragen
Der Romantiker und im evangelisch–lutherischen Hamburg aufgewachsene Brahms wählte für sein im späten 19 Jahrhundert entstandenes Werk keine Texte aus dem traditionellen, katholischen Requiem–Kanon, sondern orientierte sich an Versen aus dem Alten und Neuen Testament in der Fassung der Lutherbibel. „Selig sind, die da Leid tragen“: Mit dem Trost für die Trauernden beginnt das Meisterwerk. Mit der Trauer um die Toten endet es: „Selig sind die Toten.“

Generalmusikdirektor Rasmus Baumann, der den Abend straff leitete, stand ein üppiger, bestens einstudierter, instrumentaler und vokaler Apparat zur Verfügung. Die Schwierigkeit, einen Riesenchor aus gleich vier unterschiedlichen Sangesgemeinschaften zu einem großen, homogenen Ganzen zusammenzuschweißen, war dabei eine durchaus anspruchsvolle Leistung. Es sang der von Christian Jeub einstudierte Städtische Musikverein Gelsenkirchen mit Unterstützung des Städtischen Chores Recklinghausen, des Oratorienchores der Stadt Kamen und der Konzertgesellschaft Schwerte. Aufmerksam und artikulationssicher gestalteten die Choris einen wahren Gesangsmarathon, der ihnen kaum Pausen erlaubte. Minimale Abstimmungsprobleme am Anfang wichen einem beeindruckend harmonischen, klangschönen Miteinander. Die Symbiose zwischen Chor und dem Orchester ermöglichte einen opulenten Gesamtklang, der trotz effektvoller Ausbrüche auf Pathos verzichtete und durchsichtig blieb. Ein Gewinn auch dank der neuen Konzertmuschel auf der großen Bühne. „Selig sind…“ begann das Requiem sanft und melodienselig. Die Stimmung steigerte sich nur selten zu einem aufbrausenden Fortissimo, zu dem Baumann mit deutlichen Gesten animierte. Mit edler Noblesse, Tiefgründigkeit und geschmeidiger Stimmführung gestaltete Bariton Michael Dahmen sein Solo „Herr, lehre doch mich“. Annika Sophie Ritlewski interpretierte gefühlvoll mit ihrem auch in den hohen Lagen sicheren Sopran ihr Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“. Das Requiem verhauchte sanft und erdenfern aus.

Elisabeth Höving WAZ, 9. November 2016


Vitaler Brahms mit packender Wirkung
„Deutsches Requiem“ von NPW und Chören der Region

Trübsal zu blasen, sich gar in Gefühlsduselei zu verfangen – das ist bei allem Ernst nicht Sache des Generalmusikdirektors der neuen Philharmonie Westfalen. Mit seinem Orchester und Chören der Region hat Rasmus Baumann das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms einstudiert.

Das mit großem Beifall gefeierte Ereignis bestach durch sprühende Vitalität und eine fein abgestufte Differenzierung der dynamischen Kräfte. Bei der ersten Aufführung unter Baumanns Leitung am Montagabend im Musiktheater im Revier fesselte ein unerhörter Reichtum an Nuancen von sanft entrückten Streicherkantilenen bis zur explosiven Wucht der Todesgewalt.

In der zweiten Aufführung gestern Abend im Ruhrfestspielhaus konnte Alfred Schulze–Aulenkamp davon profitieren. Mit dem Städtischen Chor Recklinghausen, den er seit zehn Jahren neben der Städtischen Musikschule Gelsenkirchen leitet, hat der ausgewiesene Chordirigent das Brahms– Requiem schon 2010 mit der neuen Philharmonie in einem Sinfoniekonzert im Ruhrfestspielhaus aufgeführt. Damals betonte er das Feierliche und die Formstrenge des Werkes.

Diesmal vergrößerten der Städtische Musikverein Gelsenkirchen, der Oratorienchor der Stadt Kamen und der Chor der Konzertgesellschaft Schwerte den Chorpart. Und das erwies sich schon in der Fülle als Gewinn.

Souverän die großen Fugen gemeistert
Imponierend, wie souverän die Chöre die großen Fugen meisterten. Wie unsentimental sie in glasklarer Deklamation das Leid der um ihre Toten Trauernden im ersten Teil beschworen. Und mit welch lebendig polyphonem Wogen sie über die Vergänglichkeit des Lebens im dritten Teil sinnierten, um im Zeichen des Jüngsten Gerichts im sechsten Teil ihr Entsetzen hinauszuschreien. Das ist für passionierte Laienchöre eine beachtliche Leistung.

Baumanns Einstudierung akzentuierte nicht nur die Symmetrie der sieben Teile, mit denen der Protestant Brahms durch eigens ausgesuchte Bibelverse ähnlich wie Jahrhunderte zuvor Heinrich Schütz in seinen „Musikalischen Exequien“ die kanonische Form der katholischen Liturgie verwarf. Hier wird auch deutlich, wie sich Trauerarbeit mit Trost für die Lebenden vereint. Und wie der Tod seinen Schrecken verliert. Diese Einstudierung zeichnet, mit weicher Kantilene in den tiefen Streicherstimmen sanft anhebend, die großen Bögen nach. Bewundernswert, zu welch atmender Phrasierung das Orchester fand.

Große Klasse bewiesen auch beide Solisten. Michael Dahmen legte seine Partie berückend kantabel an. Sein Bariton bestach durch warme Noblesse. Der leuchtend helle Sopran der jungen Hamburgerin Annika Sophie Ritlewski schwang sich mühelos in entrückte Höhen empor. Ihr beseelt gesungenes, fließend durchgestaltetes, frei strömendes Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“ gelang berührend. Diesen Höhenflug mit weichem Ansatz ohne störendes Vibrato zu gestalten, ist eine Kunst für sich.

Bernd Aulich Medienhaus Bauer 9. November 2016


Zwischen Melancholie und Lebenskraft
Städtischer Chor und NPW harmonieren

Westviertel. Josef Haydns „Salve Regina“ und die eher selten aufgeführte Theresienmesse ergänzten sich in einer eindrucksvollen Aufführung des Städtischen Chores und den Musikern der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) in der Christuskirche zur perfekten Synthese.

Das eine Werk verströmt eine tief berührende Melancholie – das andere umso mehr lebensbejahende Kraft. Absteigend ist die Melodik in Josefs Haydns Kantate „Salve Regina“. Liedhaft und elegisch geht es bis ins tiefste Empfinden herab. Und es faszinierten an der Limpertstraße vor allem die filigranen Dialoge zwischen einem solistischen Orgelpositiv und den fragil–leuchtenden Linien der vier bestens aufeinander abgestimmten Solostimmen, nämlich Tina Bier (Sopran), Elvira Bill (Alt), Fabian Strotmann (Tenor) und Christoph Scheeben (Bass).

Vor allem die lyrischen Sopran–Parts von Tina Bier überstrahlten dieses große Ganze in vielen Momenten. Aber auch die weitgespannten sensiblen Linien des Chores und ein plastisch erlebbares instrumentales Filigranwerk der hellhörig aufspielenden Orchester–Musiker machten dieses in der Christuskirche erlebbare große Ganze perfekt.

Diese Qualitäten sollten sich facettenreich weiter steigern: Im Kyrie der B–Dur Messe strebt die Melodik wieder himmelwärts. Zudem zeigt sich in der ganzen kunstvollen Kontrapunktik Josef Haydn als profunder Kirchenmusiker. Alfred Schulze–Aulenkamps Dirigat und sämtliche Ausführenden dosierten all diese perfekt auf den Punkt. Lebendigkeit und Emotion bis in die letzte Nervenzelle ist die logische Konsequenz. Allein das Gloria dieser Messe markiert einen raffinierten Kosmos für sich. Es ist ein Meisterwerk aus wechselnder Dramaturgie in Spannungsfeld zwischen barocker Spiritualität und vorwärtsstrebender Eleganz einer „neuen“ Epoche, der Wiener Klassik.

Die Sängerinnen und Sänger hatten alles, was sie sangen, tief verstanden. Das war in jedem Moment hörbar – nicht nur, als etwa im Agnus Dei das Wörtchen „miserere“ seine ganze Tragik verströmte.

Stefan Pieper, Medienhaus Bauer, 22. Juni 2016