Pressespiegel 2014

Pressespiegel der Konzerte 2014


Das Meer als Spiegel der Seele
NPW: Chöre und Orchester meistern spannenden Ausflug

Das Meer als facettenreiches Naturphänomen und als Spiegel verborgener Seelenschwingungen – diesem faszinierenden Thema widmete sich die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) zur Begeisterung eines ergriffenen Publikums mit einem gewaltigen Choraufgebot und durch die Bank erstklassigen Solisten in Gelsenkirchen und Recklinghausen.

Der Reiz des Außergewöhnlichen prägt die erste Saison des neuen Generalmusikdirektors Rasmus Baumann von Beginn an. Der maritimen Thematik des dritten Sinfoniekonzertes hätten auch Debussys populäres Orchesterwerk „La mer“ und als jüngerer Drenigabe die „Sea Interludes“ aus Brittens Oper „Peter Grimes“ entsprochen. Doch Baumann wollte mehr. Auf der Suche nach einem gewaltigen Chorwerk, das die Chöre der von der NPW bespielten Städte vereinen sollte, stieß er auf die „Sea Symphony“ des Engländers Ralph Vaughan Williams. Welch glücklicher Griff, um die bewundernswerten Qualitäten des von ehrgeizigen Laien getragenen Städtischen Chores Recklinghausen, des Städtischen Musikvereins Gelsenkirchen, des Oratorienchores der Stadt Kamen und des Chores der Konzertgesellschaft Schwerte zu vereinen.

Gute Wahl der Besetzung
Als Herausforderung erweist sich nicht nur die Bewältigung der in Englisch gesungenen Textmassen durch die in allen fünf Sätzen unentwegt eingebundenen Chöre. Für seine Choralsinfonie vertonte Williams Auszüge aus der berühmten Gedichtssammlung der „Grashalme“, in denen Walt Whitman als führender amerikanischer Poet des späten 19. Jahrhunderts prophetische Töne anschlug. Der bewundernswert homogene 180–köpfige Chor vermeidet noch im jubelnden Ausbruch einen massig aufgeblähten Klang. Im sanften Unisono und im Refrain beglückt er durch ein subtiles, geheimnisumwobenes Piano. Und dennoch übertönt er das Orchester im jubelnden Ausbruch mühelos.

Kapriolen wie die trudelnde Melodieführung im dritten Satz, die wiederholte Volte von aufwühlendem Moll im majestätisch Strahlendes Dur oder das entschleunigte Verharren im zweiten Satz verlangen mehr als bloß präzise Zeichengebung. Sensibles Fingerspitzengefühl zeigte Rasmus Baumann im ersten Durchgang im Musiktheater im Revier. Und Alfred Schulze–Aulenkamp, Leiter des Städtischen Chores Recklinghausen, tat es ihm gestern Abend im Ruhrfestspielhaus gleich. Als Gute Wahl erwies sich die kontrastierende Besetzung der Solopartien mit Thomas Berau als kultivierten Bariton und der zu emphatischen Ausbrüchen fähigen Sopranistin Yamina Maamar, die in Gelsenkirchen zurzeit als Kaiserin in der Strauss–Oper „Die Frau ohne Schatten“ auf der Bühne steht.

Gegenüber diesem übereinstündigen monumentalen Höhepunkt wirken die 1899 uraufgeführten fünf Orchesterlieder der „Sea Pictures“ von Edward Elgar schon wegen ihres verinnerlichten Ausdrucks zurückhaltend. Wer Elgar nur durch die fünf Märsche der „Pomp and Circumstances“ kennt, war gewiss überrascht vom melancholisch angehauchten hymnischen Grundton. Zwischen sanften Säuseln, schäumender Gischt, spiegelglatter Oberfläche, über unergründlicher Tiefe, unendlicher Weite und peitschenden Sturmgewalten entwirft Elgar eine grandiose Naturzeichnung. Perfekt meistert die phantastische Solistin Silvia Hablowetz mit voluminösem Mezzo die bis zum sanften Hauchen reduzierte Mezza–Voce–Technik und, klar artikulierend, den von leidenschaftlicher Ekstase getragenen Aufschwung. Und auch das Orchester zeigt hier seine Klasse.

Bernd Aulich, Medienhaus Bauer, 12. November 2014