Pressespiegel 2011

Pressespiegel der Konzerte 2011


Weihnachtswunder aus königlicher Sicht
Große Oratorien wie Mendelssohns „Messias“ und zuletzt gar Brahms „Deutsches Requiem“ hat der Städtische Chor Recklinghausen im Ruhrfestspielhaus mit Bravour gemeistert. Diesmal ließ es Chorleiter Alfred Schulze-Aulenkamp ein paar Nummern kleiner angehen.

Für den gemeinsamen Auftritt mit der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) wählte er zweihöchst unterschiedliche Werke aus, die eines eint: die jubelnde Überhöhung, die der Chor schon mal vor seiner 75-Jahr-Feier 2012 anstimmen konnte. Die Tücke des Abends lag im Detail. Zwei kleinere Werke unterschiedlicher Provenienz zu bewältigen, verlangt Laien ein hohes Maß Flexibilität ab. Diese Herausforderung bewältigte der Chor ohne Fehl und Tadel.

Offenkundig wollte Schulze-Aulenkamp auch die Flexibilität des Publikums im gut gefüllten Festspielhaus testen. Anders als im Programm vermerkt, stellte er den Abend kurzerhand um, ohne die Änderung anzukündigen. Zuerst erklang das jüngere Werk, Friedrich Kiels Miniatur eines Oratoriums. Unter dem Titel „Der Stern von Bethlehem“ erzählt es das Weihnachtswunder aus der Sicht der Heiligen Drei Könige. Der Brahms-Freund schwelgt nicht in üppiger Spätromantik. Im Gegenteil. Er orientiert sich an den Musikidealen Bachs und der Klassik, ohne sie einzulösen.

Fast schon zu zaghaft widmeten sich Chor und Orchester dem zurückgenommenen Klangbild. Besonders überzeugend gelangen dem Chor die beiden Choräle und der bewegende vierstimmige Schlusschor, der alle Völker in den Jubel einschließt. Kurios das schlichte Paul-Gerhardt-Liedzitat an entscheidender Stelle.

So spielt man Händel nicht mehr
Die geänderte Reihenfolge war auf den Triumphgesang des Dettinger Te Deums hin orientiert, mit dem Händel als Londoner Hofkomponist seinen König Georg II. daheim nach erfolgreicher Schlacht gegen die Franzosen empfing. Mit dem Chor scheint Schulze-Aulenkamp weitaus intensiver geprobt zu haben als mit den Philharmonikern. Mit solch geringer dynamischer Nuancierung spielt man Händel heute nicht mehr.

Bei Kiel übernahm Christian Dietz mit wohlgerundetem Tenor den exponierten Solopart des Evangelisten. Bei Händel kam Jens Hamann als Bass der exponierte Part zu, während der Tenor wie Sopranistin Diana Petrova und die ungewöhnlich hell timbrierte Altistin Charlotte Nussbaum schon bei Kiel wenig zu melden hatten.

Wenn man freilich eine solch gereifte Stimme wie das ehemalige MiR-Ensemblemitglied Petrova engagiert hat, macht es Sinn, sie auch besonders herauszustellen. Die berühmte Mozart-Motette „Exsultate, Jubilate“ bot diese Gelegenheit. Als Intermezzo nachträglich ins Programm genommen, geriet sie angesichts der Strahlkraft des höhensicheren, auch in beiden a-capella-Kadenzen traumwandlerisch sicher geführten Soprans zum Höhepunkt des Abends.

Bernd Aulich, Medienhaus Bauer, 6. Dezember 2011


Stern mit mattem Glanz
Laut Programmheft des 4. Sinfoniekonzertes wäre Friedrich Kiels „Stern von Bethlehem“ der krönende Abschluss des Abends gewesen. Aber Alfred Schulze-Aulenkamp dürfte sich mit guten Gründen anders entschieden haben. Dieser spätromatische „Stern“ wollte nicht funkeln; er verbreitete nur matten Glanz im Festspielhaus.
Mit Friedrich Kiels Oratorium von 1883 eröffneten der Städtische Chor Recklinghausen, die Neue Philharmonie Westfalen und Gesangssolisten einen festlich gestimmten Abend mit der Weihnachtsgeschichte. Allerdings muss man dem einleitenden Text des Programmheftes zustimmen: Kiels Kompositionen „galten als etwas trocken und zu akademisch-korrekt“.

Der große Chor konnte nur gelegentlich glänzen. Emphase war diesem unterkühlt-feierlichen Werk kaum abzuringen. Erst der groß angelegte Schlusschor brachte nach einer halben Stunde instrumentalen und stimmlichen Glanz ins Spiel. Und das kleine „Halleluja“ zum Schluss möchte man mit Händel gar nicht erst vergleichen. Friedrich Kiels „Stern von Bethlehem“ ist leider keine zwingende Wieder-Entdeckung.

Als „Intermezzo“ war W. A. Mozarts „Exsultate, jubilate“ angekündigt – und war doch viel mehr eine Freude nämlich nach soviel angestrengter Andacht. Die Motette des 16-jährigen Mozart gestaltete die Sopranistin Diana Petrova vom Musiktheater im Revier wie eine große Arie: mit Schwung, Charme und auch schauspielerische Hingabe. Auch der Einsatz des Orchesters wirkte gleich viel freudiger. Der Schluss des langsamen dritten Satzes , „Unde suspirat cor“ („das Herz seufzt“) war ein großer Moment – und das „Alleluja“ klang in seiner Spritzigkeit fast kokett.

G. F. Händels ausgedehntes „Dettinger Te Deum“ von 1743 wusste vom Auftakt an aufzutrumpfen: mit dem barocken Schimmer von Trompete und Englisch-Horn. Der 57-jährige Hofkomponist bewies sich mit seiner Huldigung für Georg II. als Meister Selbst-Zitats – damals eine Selbstverständlichkeit.

Den vier Gesangssolisten gehören in diesem „Te Deum“ nur kurze Momente – und bis auf Diana Petrova enttäuschten sie sämtlich mit matter Routine. Traumschön in seiner Innerlichkeit war das kurze Duett der beiden Sängerinnen (Altistin war Charlotte Nussbaum, die Stimmbildnerin des Städtischen Chores): „Und darum flehen wir“.

Der Chor wird während des nächsten Jahres zwei weitere „Te Deum“-Kompositionen singen: Von Bruckner mit der 9. Sinfonie im Juni 2012 zum Schluss der Konzertsaison und von Dvorak zum 75. Geburtstag des Chores im Dezember 2012. Liebhabern geistlicher Musik dürften sich so interessante Vergleiche bieten.

Ralph Wilms, WAZ, 6. Dezember 2011


Weltgericht im Marschrhythmus
Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie ist ein aufwühlendes musikalisches Weltgericht im Marschrhythmus von überwältigender Wirkung. Mit ihren explosiven Klangballungen und ihren scharfen Ausdruckskontrasten bedeutet sie auch für ein großes Orchester wie die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) eine Herausforderung ohnegleichen.

Mahler knüpft mit dieser Chorsinfonie direkt an Beethovens „Neunte“ an. Und er übertrifft sie noch in ihrer monumentalen Wirkung. Die „Neunte“ war erst vor wenigen Wochen im Ruhrfestspielhaus zu hören. Ihr nun Mahlers „Zweite“ folgen zu lassen beweist eine kluge Programm–Dramaturgie.

Der Rückbezug auf Beethoven prägte die Mahler–Interpretation von Heiko Mathias Förster. Weichzeichnung statt Wucht und Klangzauber statt Klangrausch bestimmen die Mahler–Sicht des NPW–Chefdirigenten. Dem großen Format begegnet Förster vom irrlichternden Beginn der Totenfeier des ersten Satzes an mit berückender Melodik. Der Dirigent weiß um die Tücken des Ruhrfestspielhauses, dessen Akustik manches Detail verschluckt und so manches Forte im gedämpften Nachhall um seine Wirkung bringt. Die Klangschichtungen im spukhaften Scherzo des dritten Satzes und in der ausufernden Apokalypse des Finalsatzes heraus zustreichen, erweist sich hier als Sisyphus–Arbeit.

Herrlich gelingen freilich die Ferneffekte der Bläser hinter der prallbesetzten Bühne, die leicht gedämpften, majestätischen Bläserchoräle und bei aller Kürze der imponierende Auftritt des hervorragend einstudierten riesigen Chores. Was der Städtische Chor Recklinghausen, der Städtische Musikverein Gelsenkirchen, der Oratorienchor der Stadt Kamen, der Chor der Konzertgesellschaft Schwerte und der Chor des Musikvereins Unna vereint boten, erwies sich als professionelle Leistung.

Lucia Duchanovas flackerndes Vibrato nahm dem „Urlicht“–Altsolo des vierten Satzes trotz vorbildlicher Artikulation einiges an berückender Wirkung in seiner naiven Glaubensemphase. Glanzvoll fügte sich Eva Hornyakovas leuchtender Sopran in den Trostgesang des Finalsatzes ein.

Das Publikum im nicht ausverkauften Ruhrfestspielhaus zeigt sich begeistert von der starken Leistung aller Mitwirkenden. In den Beifall mischen sich etliche Bravo–Rufe.

Bernd Aulich, Medienhaus Bauer, 21. Juni 2011